
Man kennt es: Manche Sätze gehören zum
Inventar der geflügelten Worte. So auch hier, wenn Paulus schreibt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Klar, das ist logisch, richtig und populär. Jesus hat dazu ein wundervolles Gleichnis gesprochen. Es ist das biblische Gebot der Nächstenliebe. Weithin unbekannt ist aber, dass uns diese Worte bereits im Ersten Testament begegnen, im Buch Levitikus, wo es im 19. Kapitel auf Hebräisch heißt: „we-ahavta le-reacha kamocha“. Eigentlich wäre grammatikalisch klarer ins Deutsche übertragen: „Und du wirst deinen Nächsten/Nachbarn lieben, er ist wie du.“ Mir gefällt das, denn hier wird mir etwas zugetraut. Nicht das „du sollst“, sondern „du wirst“ wird vordergründig. Mir wird hier zugetraut, dass ich lieben werde. Die Sprache der Zukunft ist verheißungsvoll.
Ein Zweites: Das Gebot hebt auf die zwischenmenschliche Dimension ab, um so die Beziehung in der Gemeinschaft zu regeln. Genau genommen geht es nicht um eine universelle Menschenliebe. Ich muss nicht alle liebhaben. Der Akzent ist darauf gelegt, dass ich innerhalb einer Gemeinschaft, in der Interessen kollidieren und folglich mit Konflikten zu rechnen ist, die Probleme zivilisiert löse. Möglichst so, dass keine bleibenden Schäden zustande kommen. Das greift Paulus auf: Wo Menschen zusammenleben, entstehen Konflikte. Niemand kommt ohne Enttäuschungen oder Verletzungen aus. Nächstenliebe bedeutet deshalb nicht, jeden Menschen sympathisch zu finden. Sie zeigt sich vielmehr darin, den anderen trotz aller Unterschiede nicht herabzusetzen, zu verletzen oder auszugrenzen. Liebe bewährt sich gerade dort, wo Zusammenleben schwierig wird.
Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen Dialog.
Kontakt: sonntag@koopredaktion.at
Lektionar für die Bistümer des deutschen Sprachgebiets. Authentische Ausgabe für den liturgischen Gebrauch. Band I: Die Sonntage und Festtage im Lesejahr A, Freiburg u. a. 2019. © staeko.net


