
Gut zwei Jahrtausende trennen den Kirchenpatron Johannes, den Täufer und den von den Nazis am 13. November 1944 ermordeten Göfner Priester Carl Lampert. Beide stehen für einen Glauben, den sie – jeder auf seine Weise und zu seiner Zeit – bis zu letzten Konsequenz lebten; beide sind Opfer politischer Gewalt; beide gingen in der ‚Lichtspur Gottes‘, die in – ihrer und unserer – Welt und Geschichte für Glaube, Hoffnung und Liebe steht. Der eine – Johannes – als Vor-Gänger, der andere – Carl – als Nach-Folger, beide sind Blutzeugen, beide gehören zur unübersehbar großen „Wolke“ von Zeuginnen und Zeugen. Sie alle also werden präsent sein in unserer Erinnerung und die 60-jährige Orgel wird mit ihrem Klang den weiten, offenen Kirchenraum füllen. Dazu fügen sich poetische Textpassagen, wie Handläufe in steilem Gelände.
Entstanden ist „Wolke von Zeugen“ als gemeinsames Projekt der Pfarre Höchst und des Carl Lampert Forums, angestoßen von Organist Bruno Oberhammer. Brigitte Walk inszeniert das Stück, führt Musik und begleitende Texte (u.a. von Walter L. Buder) in ihrer Regie zusammen, was zusammengehört.
Walter L. Buder im Gespräch über Carl Lampert, die Kraft der Erinnerung und das ungewöhnliche Orgelprojekt in Höchst.
Was bedeutet Carl Lampert innerhalb dieser „Wolke“?
Walter Buder: Ich bin Carl Lampert im Rahmen einer Gedenkwoche in Göfis anlässlich seines 50. Todestages begegnet. Damals war sein Gedanke: „Dass andere Zeit sein wird“ interessleitend. 17 Jahre später, bei der Seligsprechung, war es sein ‚Seufzer‘, dass „Menschen wieder Menschen werden. Wie die Meisten aus der Wolke der Zeugen lebte und starb Lampert für Christus. Ich lernte im Lauf der Zeit, den ranghohen Geistlichen, den klugen katholischen Priester mit dem römischen Hut und im schwarzen Anzug, den Kirchenrechtler im Hintergrund lassen. So gewann ich einen Glaubensgefährten, einen Nächsten, ein Mensch, einer, der – wunderbar treu und einfach – in der Spur Jesu ging, allein und mit anderen …
Warum spielt Erinnerung dabei eine so große Rolle?
Buder: Vielleicht ist es eher so, dass wir die Erinnerung aushalten müssen, damit sie lebendig, sprich: wach bleibt. Sie ist einer der Königswege zur Gegenwart, zum Gegenwärtig-Sein und zur Realität. Erinnern ist harte Arbeit, kann Schmerz bereiten und Freiheit ermöglichen und sie ist auch gefährlich! Wir vergessen lieber – aber die Erinnerung ist wie ein toter Baum, dessen letzter Ast noch eine Blüte treibt.“ Der Gedanke von George Eliot (1819-1880) leuchtet eine spannende Perspektive aus: „… denn das wachsende Wohl der Welt hängt teilweise von unhistorischen Handlungen ab; und dass es um dich und mich nicht so schlimm steht, wie es hätte sein können, ist zur Hälfte all jenen geschuldet, die treu ein verborgenes Leben gelebt haben und in unbesuchten Gräbern ruhen“.
Und was können Musik, Wort und Bewegung an diesem Abend?
Buder: Musik ist wie unsichtbare Nahrung, die Sinne sind Organe der Seele. In der Musik ist die Stille, wie das Schweigen im Wort, im Tanz ist es die lautlose Bewegung. Nichts wird erklärt, nur ermöglicht und wir sind bestärkt, Haltungen wie Hören, Warten zu üben, nahe an der Wurzel der Aufmerksamkeit – das sind nach Simone Weil Pfade zum Geheimnis der Gegenwart Gottes, in guten wie in schlechten Zeiten.
Wo führt dieser Gedanke für Sie in Höchst hin?
Buder: Es ist echt stark, was da alles auf die Beine gestellt, gesungen, gesammelt, gebetet, gefreut und gelacht, gedankt, gefeiert wird.
Termin
„Wolke von Zeugen“, am Samstag, 14. November, 19 Uhr, in der Johanneskirche Höchst