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J. Schwald/ KKV
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Religion zwischen TikTok, Kirche und Klassenzimmer

Junge Menschen stellen religiöse Fragen zunehmend im Internet, während die Bindung an klassische kirchliche Angebote abnimmt. Welche Antworten kann der Religionsunterricht geben? Und wie kann er in einer multireligiösen Schule Toleranz fördern? Ein Gespräch mit Annamaria Ferchl-Blum, Schulamtsleiterinder Diözese Feldkirch, über die Zukunft von Religion und Schule.

von Joachim Schwald

 

Welche Bedeutung hat Religion in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft?

Annamaria Ferchl-Blum: Auf den ersten Blick scheint Religion an Bedeutung zu verlieren, weil immer mehr Menschen ohne religiöse Praxis leben. Gleichzeitig führtd ie krisenhafte Weltlage dazu, dass viele Menschen – auch Kinder und Jugendliche – wieder nach Halt, Sinn und Orientierung suchen. Besonders das Internet ist für junge Menschen eine wichtige Anlaufstelle für religiöse Fragen. Christliche Influencer erreichen sie niederschwellig, vermitteln  Religion aber teilweise in fundamentalistischen und stark auf Leistung und Selbstoptimierung ausgerichteten Formen. Auch die multireligiöse Zusammensetzung unserer Gesellschaft ist ein wichtiges Thema, besonders in der Schule. Die Vielfalt stellt Schulen vor Herausforderungen, bietet aber zugleich eine große Chance: Religion wird wieder sichtbar und zum Gegenstand gemeinsamer Auseinandersetzung. Entscheidend ist, welche Rolle Religion übernimmt: Ist sie eine spirituelle Wellnessoase, stärkt sie autoritäre politische Positionen oder ermutigt sie Menschen zu einem freien, verantwortungsvollen und aktiven Leben.

 

Ist Religionsunterricht heute noch zeitgemäß? Warum sollte Religion in der Schule überhaupt unterrichtet werden?

Ferchl-Blum: Meine Grundannahme ist, dass Religiosität eine Gabe des Menschenist und wesentlich zum Menschsein gehört. In Österreich hat man sich bewusst dafür entschieden, Religion als Bildungsprozess in der Schule zu verankern. Das halte ich nach wie vor für richtig – und deshalb ein klares Ja zur Frage, ob zeitgemäß. Im Religionsunterricht geht es um grundlegende Fragen des Lebens: Wie gehe ich mit Schwächeren um? Wie kann ich Benachteiligte unterstützen? Wie verhalte ich mich gegenüber Menschen, die Leid erfahren? Was darf ich hoffen, wenn es mir selbst schlecht geht? Und welchen Beitrag kann ich dazu leisten, dass unsere Welt ein besserer Ort wird? Diese Fragen bereichern das persönliche Leben und haben zugleich Bedeutung für unsere Demokratie und unseren Sozialstaat.

 

Was macht einen guten Religionsunterricht aus?

Ferchl-Blum: Guter Religionsunterricht ist mehr als ein rein kognitiver Religionskundeunterricht. Er nimmt in erster Linie die Schüler:innen in den Blick – und zwar so wie sie sind mit allem – auch mit ihren religiösen Auffassungen. Ziel sollte sein, ihnen einen Geschmack dafür zu geben, wie ein sinnvolles Leben gelingen kann. Es macht einen Unterschied, ob ich mich nur um mich und meine eigene Welt kümmere oder ob ich Haltungen wie Hilfsbereitschaft, Solidarität, Frieden und Gerechtigkeit in mein Leben aufnehme. Menschen aus unterschiedlichen Religionen können dafür Vorbilder sein. Auch der Weg Jesu ist hier eine entscheidende Quelle.

 

Kann Religionsunterricht Toleranz fördern oder führt er eher zur Abgrenzung?

Ferchl-Blum: Diese Frage beschäftigt uns derzeit sehr. Die Gruppe der Kinder ohne religiöses Bekenntnis wächst, gleichzeitig nimmt die religiöse Vielfalt an den Schulen deutlich zu. Deshalb werden neue Konzepte für den Religionsunterricht gefordert. Es geht darum, den konfessionellen Bezug und die Bindung an eine bestimmte Religion zu erhalten und gleichzeitig in multireligiösen Klassen offen und dialogfähigzu arbeiten. In den Vorarlberger Berufsschulen wird bereits „konfessionell-kooperativ“, wie wir es nennen, unterrichtet. Die Erfahrungen sind überwiegend positiv, auch wenn diese Form alle Beteiligten fordert. Ein großer Vorteil ist die Förderung weltanschaulicher Toleranz.

 

 

Guter Religionsunterricht schafft einen Geschmack dafür, wie ein sinnvolles Lebengelingen kann -

 

Annamaria Ferchl-Blum

 

Wie hoch ist das Interesse der Kinder und Jugendlichen am Religionsunterricht? Stichwort: Abmeldungen.

Ferchl-Blum: Die Abmeldezahlen sind seit vielen Jahren relativ stabil. Im Durchschnitt nehmen rund 90 Prozent der katholischen Schüler am Religionsunterricht teil. Diese hohe Beteiligung ist ein Auftrag. Der Religionsunterricht muss gepflegt, weiterentwickelt und als Bildungsfach in der Schule erhalten werden.

 

Wie sieht es mit dem „Religionslehrer:innenNachwuchs“ aus? Gibt es genügend Fachlehrer:innen im Land?

Ferchl-Blum: Nein, wir haben nicht genügend voll ausgebildete Religionslehrer:innen. Deshalb haben wir heuer eine Social-Media-Kampagne gestartet, in der junge, engagierte Lehrpersonen für das Fach und eine solide Ausbildung werben. Es ist derzeit nicht einfach, junge Menschen für ein Theologiestudium oder eine pädagogische Ausbildung mit Schwerpunkt Religion zu gewinnen. Gründe dafür sind der gesellschaftliche Wandel, die nachlassende kirchliche Beheimatung, die öffentliche Infragestellung des Faches und die Herausforderungen durch das Internet. Deshalb müssen wir das Berufsbild der Religionslehrer stärker sichtbar machen.

 

Sie sind seit März 2020 Leiterin des Schulamtes der Diözese Feldkirch. Was waren in dieser Zeit die größten Herausforderungen?

Ferchl-Blum: 2020, ca. eine Woche nach meinem Start als Schulamtsleiterin, war der erste Lockdown. Schule musste neu gedacht und organisiert werden. Eine weitere große Aufgabe war die Überarbeitung von Lehrplänen und Schulbüchern für verschiedene Schularten. Gleichzeitig erhalten wir viele Rückmeldungen aus Schulen, dass der Religionsunterricht in seiner Vielfalt organisatorisch kaum noch zu bewältigen sei. An manchen Standorten müssen zahlreiche Religionsunterrichte nebeneinander organisiert werden. Auch die Krise der theologischen Fakultäten und die geringe Zahl an Studierenden stellt uns vor große Herausforderungen. Wir müssen überlegen, wie wir junge Menschen wieder stärker für das Fach gewinnen und die Ausbildung weiterentwickeln können.

 

Was sehen Sie als Erfolg Ihrer Amtszeit?

Ferchl-Blum: Ich nehme wahr, dass im Bildungsbereich ein breiterer Konsens darüber entstanden ist, dass Religion für den Fortbestand der Demokratie wichtig sein kann. Religionsunterricht findet in der Schule unter transparenten Bedingungen statt. Das ist ein wichtiger Beitrag zu einer reflektierten Religiosität und kann auch helfen, Extremismus vorzubeugen. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die kirchliche Bindung der Religionslehrer. Viele Lehrpersonen tun sich selbst schwer damit, eine kirchliche Beheimatung zu finden. Hier sehe ich auch eine große Verantwortung der Kirche. Sie muss durch Glaubwürdigkeit, Veränderungsbereitschaft und Menschennähe Vertrauen gewinnen.

 

Wie lautet Ihr persönliches Fazit nach sechseinhalb Jahren als Schulamtsleiterin?

Ferchl-Blum: Für mich war es eine große Freude, diese Aufgabe über sechseinhalb Jahre in unserer Diözese leiten und gestalten zu dürfen. Nach fast 20 Jahren als Religionslehrerin hat mich dieser Schrittauf eine andere Ebene geführt, mich gefordert und zugleich sehr bereichert. Viel Kraft und Energie habe ich aus der Vielfalt der Aufgaben und aus der Zusammenarbeit mit den Menschen gewonnen, die sich für den Religionsunterricht engagieren. Nun, wenige Wochen vor meiner Pensionierung, bin ich sehr dankbar für diese wertvolle Zeit.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ferchl-Blum: Ich bin fasziniert von Kindern und jungen Menschen, die Religion mit einer erfrischenden Unbefangenheit für sich entdecken. Darin sehe ich eine große Chance für unser Fach. Persönlich freue ich mich auf einen neuen Lebensabschnitt, in dem ich die Erfahrungen und Erkenntnisse der vergangenen Jahre in ruhigeren Bahnen weiterwirken lassen kann– und hoffentlich trotzdem da und dort etwas bewirken werde.

 

Das Schulamt der Diözese

 

Das Schulamt der Diözese Feldkirch ist für alle Fragen des römisch-katholischen Religionsunterrichts und der katholischen Privatschulen im Bereich der Diözese Feldkirch zuständig. Das Schulamt hat für die Bestellung der Religionslehrer:innen zu sorgen. Die Betreuung der Religionslehrer:innen erfolgt durch die Fachinspektor:innen Roswitha Schwaninger und Ruth Berger-Holzknecht. Annamaria Ferchl-Blum, die neben ihren Leitungsaufgaben auch Referentin für die katholischen Privatschulen ist, führt das Schulamt der Diözese Feldkirch seit März 2020.

 

Mehr dazu: www.kath-kirche-vorarlberg.at/schulamt
 

KKV

Aus der KirchenBlatt-Ausgabe Nr. 33  vom 10. September 2026. 

 

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Veröffentlicht am 09.09.2026
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