"Keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber.“ Dieser Satz des Paulus wirkt zunächst ungewohnt. Schließlich legen wir heute großen Wert auf Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Doch Paulus bestreitet nicht die Freiheit des Menschen. Er erinnert vielmehr daran, dass niemand für sich allein lebt. Unser Leben ist von Beziehungen geprägt. Was wir sagen, tun oder unterlassen, bleibt nicht ohne Wirkung auf andere. Im Hintergrund stehen Konflikte in der Gemeinde von Rom. Die einen hielten an jüdischen Traditionen fest, andere lebten ihren Glauben freier. Man stritt über Feiertage und Speisevorschriften. Paulus entscheidet diese Fragen nicht einfach. Viel wichtiger ist ihm eine andere Einsicht: Niemand soll auf den anderen herabschauen. Denn nicht die eigene religiöse Praxis macht einen Menschen wertvoll, sondern die Zugehörigkeit zu Christus. Das ist ein Gedanke, der bis heute aktuell geblieben ist. Auch in der Kirche gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Glaube gelebt werden soll. Manche schätzen vertraute Traditionen, andere suchen nach neuen Formen. Paulus lädt dazu ein, diese Unterschiede nicht als Bedrohung zu verstehen. Wer zu Christus gehört, muss nicht jede Meinung teilen. Aber er kann dem anderen mit Respekt begegnen.
Zum Weiterdenken
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Wir leben nicht für uns allein. Wir sind Teil einer Gemeinschaft. Gerade deshalb sind Achtung, Geduld und ein wohlwollender Blick auf einander kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck gelebten Glaubens.
Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen Dialog.
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