
Für Paulus ist die Frage nach dem Verhältnis von Israel und Kirche maßgeblich. Für uns heute ist es die Frage nach der Beziehung von Judentum und Christentum. Paulus greift am Ende seiner Beziehungsfrage auf die Tradition des Ersten Testaments zurück. In seinen Worten geht es um Weisheit und Erkenntnis. ‚Was ist Weisheit? Dazu lohnt ein Blick auf eine Geschichte, die im Judentum über Rabbi Hillel erzählt wird. Rabbi Hillel lebte zwei Generationen vor Jesus und wurde gefragt, wie er die Lehre des Judentums auf einem Bein stehend – also knapp und kurz – erklären könne. Der weise Lehrer antwortete darauf: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist das ganze Gesetz Gottes.“ In diesem Sinne hat auch Jesus auf diese Frage geantwortet (Mt 7,12). Zwei Punkte sind hier bemerkenswert: Erstens beginnt Weisheit nicht erst mit Jesus. Im Gegenteil, Jesus selbst schöpft voll und ganz aus der jüdischen Tradition. Zweitens ist die Geschichte bei Rabbi Hillel noch nicht ganz zu Ende, denn er fügte hinzu: „Alles andere ist nur die Erläuterung.“ Und dann forderte er den Menschen, der ihm die Frage gestellt hat auf: „Geh hin und lerne.“
Lernen ist Teil der jüdischen und auch der christlichen Identität. Bei der Weisheit geht es um eine Auseinandersetzung mit den großen Fragen: Wer ist (wie) Gott? Wie soll ich gut handeln? Ich würde vielleicht zuspitzen: Weise zu sein bedeutet vielleicht nicht, auf jede Frage eine Antwort zu haben. Weise ist vielmehr, wer bereit bleibt zu lernen. Wer sich von einer anderen Perspektive überraschen lässt. Wer entdeckt, dass die Welt größer ist als die eigene Sichtweise. Genau dazu lädt Jesus immer wieder ein: Öffne dich. Lass dir etwas zeigen. Bleibe lernfähig.
Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen Dialog.
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