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von Elisabeth Heidinger
Es gibt Landschaften, die wirken, als lägen sie außerhalb der Geschichte, gelagert zwischen Fels, Wald und Naturidylle und doch schreiben sich Gewalt und Herrschaft oft gerade in abgelegene Räume am tiefsten ein. In Küngswald, hoch über dem Tal, auf der Schattenseite unter dem Roten Schrofen, wurde Delphina Burtscher am 13. Juli 1926 geboren, als dreizehntes von vierzehn Kindern, hineingestellt in ein Leben aus Arbeit, Kargheit und früher Verantwortung. Genau dort, wo die karge Bergwelt wenig Spielraum ließ, brachte sie jene Haltung hervor, die später beharrlicher Widerstand bedeutete.
Delphinas Leben bündelt vieles, was das 20. Jahrhundert an Härte bereithielt: Bergbauernkindheit im hintersten Walsertal, Entbehrung, frühe Todeserfahrungen, später die Lawinenkatastrophe von 1954, die sie mit ihren Kindern nur knapp überlebte, und danach ein neuer Anfang, schließlich in Nenzing, wo sie mit ihrem Mann Pirmin und acht Kindern lebte. Dass sie rückblickend dennoch schreiben konnte, man habe „trotz allem gute Zeiten erlebt“, macht Delphina Burtschers Gestalt so bemerkenswert: In ihr bestanden Tragik, Witz, Frömmigkeit, Zähigkeit und eine Lebensfröhlichkeit gleichermaßen nebeneinander.
Die politische Geschichte dieser Frau beginnt im Alltäglichen. Vier ihrer Brüder mussten in den Krieg; zwei von ihnen, Willi und Leonhard, machten irgendwann nicht mehr mit. Gemeinsam mit Delphinas späteren Geliebtem Martin Lorenz entzogen sie sich der Wehrmacht und versteckten sich in der gebirgigen Umgebung des Elternhauses und waren fortan auf jenes fragile Gewebe aus Versorgung, Verschwiegenheit und Fürsorge angewiesen, ohne das keine Desertion länger als ein paar Tage überlebt hätte. Delphina hielt den Hof zusammen, versorgte die versteckten Männer, trug Nahrung in das gefährliche Dazwischen von Haus und Berg. Nach rund einem Jahr des Versteckens und des Aufbaus einer kleinen österreich-patriotischen Widerstandgruppe wurde dieses prekäre Gleichgewicht durch Verrat zerschlagen. Willi Burtscher und Martin Lorenz wurden festgenommen, Leonhard konnte entkommen; das Reichskriegsgericht verurteilte Willi und Martin im Oktober 1944 in Salzburg zum Tod, am 8. Dezember wurden beide in Graz-Jakomini enthauptet.
Auch Delphina selbst geriet in die Mühlen dieser Terrorjustiz. Sie war achtzehn, von Martin Lorenz schwanger und wurde mit ihrer Familie in „Sippenhaft“ genommen. Nach der Geburt ihres Kindes im September 1944 durfte sie noch einige Monate beim Baby bleiben, ehe sie im März 1945 nach Rothenfeld bei München inhaftiert wurde, während das wenige Monate alte Kind bei der Mutter ihres hingerichteten Verlobten blieb. Man muss sich diese Fallhöhe vergegenwärtigen, um die Wucht dieser Biografie zu begreifen: eine junge Frau, eben noch zwischen Stall, Maisäß und Alpe im kargen Rhythmus bäuerlicher Arbeit lebend, mit einer wagen Zukunftshoffnung in Form einer gefundenen Liebe und eines neuen Lebens versehen, sieht sich binnen weniger Monate mit Verhaftung, Prozess, Todesurteil gegen die Geliebten (Bruder und Freund), Geburt, Trennung vom Kind und Gefängnis konfrontiert. Der Nationalsozialismus erscheint hier nicht als fernes Herrschaftssystem, sondern als Einbruch in das Intimste: in Haus, Familie, Liebe und Mutterschaft.
Heute gilt der Fall der Familie Burtscher als einer der bekanntesten Desertionsfälle Vorarlbergs; Delphina wird am Widerstandsmahnmal in Bregenz genannt, ihre Geschichte findet sich in neueren Forschungen ebenso wie in internationalen Ausstellungen zum Reichskriegsgericht.

Hundert Jahre nach Delphinas Geburt kehrt diese Geschichte nun zurück. Delphinas Enkelinnen Lydia Arantes und Sarah Kühne erzählen ihr Leben als Graphic Novel weiter; illustriert wird das Buch von Anna Stemmer-Dworak, Text und Dramaturgie stammen von Tobias Fend, die grafische Gestaltung von Anuschka Fink. Das Buch erscheint im Sommer 2026 im Residenz-Verlag in der Schriftenreihe des vorarlberg museums. Das Carl-Lampert-Forum unterstützt das Vorhaben als Kooperationspartner; zugleich wird die Geschichte in die Carl-Lampert-Wochen 2026 aufgenommen, wo ein eigener Erzählstrang den Folgen des Krieges und seinen langen Nachwirkungen gewidmet sein wird.
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