
Der Herbert-Haag-Preis, benannt nach dem Theologen Herbert Haag, wird an Personen und Gruppen sowie für Publikationen, Tagungen und Recherchen vergeben, die sich für Freiheit und Menschlichkeit innerhalb der Kirche einsetzen. In diesem Jahr wurde diese Auszeichnung Bischof Erwin Kräutler für sein Lebenswerk verliehen. Die feierliche Übergabe fand am Sonntag in Luzern statt. Auch Bischof Benno Elbs, Generalvikar Hubert Lenz, Pastoralamtsleiterin Petra Steinmair-Pösel, Pfarrer Rainer Büchel und Kaplan Gabriel Steiner waren vor Ort mit dabei, um Bischof Erwin zu gratulieren.
Der aus Koblach stammende Bischof Erwin Kräutler ist Mitglied der Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut. 1965 ging er nach Xingu/Brasilien, der flächenmäßig größten Diözese in der Amazonasregion. 15 Jahre später, am 7. November 1980, wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof mit Nachfolgerecht ernannt. 1981 trat er als Bischof der Diözese Xingu die Nachfolge seines Onkels Erich Kräutler an.
Bischof Erwin Kräutler prägte als langjähriger Präsident des Indianermissionsrates (CIMI) dessen Arbeit und war einer der führenden Bischöfe Brasiliens bei der Verteidigung des Umweltschutzes und der indigenen Völker in der Amazonasregion. „Es sind die indigenen Völker am Xingu und in ganz Brasilien, die mir ans Herz gewachsen sind. Einst starke Völker wurden im Laufe der vergangenen Jahrhunderte zu Restvölkern und machen heute im Verhältnis zu den 200 Millionen Brasilianern eine verschwindend kleine Minderheit aus. Sie sind nach wie vor in ihrem kulturellen, aber auch physischen Leben bedroht“, so Kräutler. Auf sein Insistieren hin, Aussagen zur Situation Amazoniens dürften in einer päpstlichen Umweltenzyklika nicht fehlen, lud ihn Papst Franziskus ein, an der Ausarbeitung von „Laudato sì“ mitzuarbeiten. Dem globalen Norden rief Dom Erwin in Erinnerung: „Unser Überleben auf dem Planeten Erde hängt von einer ökologischen Bekehrung ab. Der Amazonas-Regenwald hat eine klimaregulierende Funktion für den gesamten Planeten.“
Im Zusammenhang damit vertrat Bischof Kräutler von Beginn an, gemeinsam mit anderen lateinamerikanischen Bischöfen, die „Option für die Armen“, also die Auffassung, dass die Kirche die Lebensbedingungen der Ärmsten zum Ausgangs- und Zielpunkt ihres Handelns zu machen habe. Seine Überzeugung war stets, dass kirchliche Seelsorge gerade unter der randständigen indigenen Bevölkerung ohne konsequente Bekämpfung der Armut nicht glaubwürdig sein kann. Für diese Überzeugung ist er eingestanden – selbst unter Lebensgefahr. So wurde er 1983 ein erstes Mal von der Militärpolizei festgenommen und verprügelt. Man warf ihm vor, dass er sich mit verarmten Zuckerrohrpflanzern solidarisiert hatte. Fünf Jahre später überlebte er einen Mordanschlag. Auch später wurde er wiederholt mit dem Tod bedroht, weil er Widerstand gegen das Megastaudamm-Projekt Belo Monte leistete, weil er einflussreiche Kreise in Altamira wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern anzeigte oder weil er sich für den Umweltschutz in der Amazonasregion engagierte.
Der Preis ehrt seinen lebenslangen Einsatz. Neben der ökologischen Bekehrung und der Option für die Armen prägte ein drittes Element sein Handeln für eine zukunftsfähige Kirche. Erwin Kräutler plädierte für die Weihe von Frauen, indem er – ganz pragmatisch – feststellte, diese würden am Amazonas längst die meisten Gemeinden leiten. Er machte dafür aber auch grundsätzlich geltend: „Wir leben nun im 21. Jahrhundert und die Frau ist längst als dem Mann gleichberechtigt anerkannt. Nur ausgerechnet nicht, wenn es sich um die Priesterweihe, den Vorsitz bei der Eucharistiefeier, die Spendung der Krankensalbung und die sakramentale Lossprechung handelt …“