
Aus dem "zeitFenster" Nr. 17 vom 14. Mai 2026
Im Mai 2016 wurde Gerhard Hummer mit einem Schlag – besser gesagt, mit einem Schuss – aus seinem Leben herauskatapultiert und fand sich an einem Ort wieder, an dem alles anders war. Das alte Leben war weg.
Ein Monat in der Intensivstation im LKH Feldkirch und sieben Monate in einer Spezialklinik in Murnau sicherten sein Überleben sowie den Übergang in sein „neues“ Leben. Er lernte schlucken, atmen und sprechen. „Das sind unbeschreibliche Vorgänge, jeder Tag ein Kampf, ein Überlebenskampf“, erzählt er heute. „In der ersten Zeit hatte ich das Gefühl, dass da jemand ist, der sagt: ‚Bleib da.ʼ Auch der Chirurg spürte: Er will leben. Es gibt da eine Kraft, die steht über allem.“
Was er zudem lernen musste, war das Akzeptieren, dass er nun auf andere angewiesen ist – vom Zähneputzen bis zur Intimpflege. „Das ist Hammer, das habe ich niemals wollen. Ich habe immer alles selber gemacht und plötzlich wurde mir alles aus den Händen genommen.“ Was ihm in diesem Lernprozess zugute kam, waren zwei seiner Charaktereigenschaften: Er verfügt über eine „Eselsgeduld“ und ist ein Teamplayer. „Ich erlebe seither täglich, was es für hingebungsvolle Menschen in der Pflege gibt. Ich bin unendlich dankbar.“ Auf die Frage, ob er sich manchmal hilflos fühlt, antwortet er klar mit: „Nein.“
Sein altes Leben vermisst er noch heute – sein Haus, sein Dorf, die Natur, die Menschen. Dieser Verlust fühlt sich an wie „ein großes Loch“. Dennoch kann er genießen, was er kann: Er hat seine Sinne, sein Gehirn, seine Sprache, ... Mit seinem Mund kann er sein Tablet und seinen Rollstuhl bedienen und damit lösen sich die Grenzen seines Krankenhauszimmers ein Stück weit auf. Weitere „Grenzsprenger“ sind seine Träume – sowohl in den Tag- als auch in den Nachtträumen kann er gehen und sich bewegen, da ist er der „alte“.
Beruflich war es dem gelernten Automechaniker immer wichtig, die eigenen Ideen umzusetzen. „Es gibt nichts Schöneres, als wenn man sich verwirklichen kann“, weiß
er. Heute sind anstelle der handwerklichen Tätigkeiten
intellektuelle getreten. Sein Werkzeug ist das Tablet, sein Material sind Daten aus dem Internet. Sein Forschungsthema? Gerhard geht der Frage nach, wie Querschnittgelähmte mithilfe von implantierten Computerchips wieder zur Bewegung kommen. „Da bin ich überall unterwegs, vor allem in den USA und in der Schweiz“, erzählt er. „Wenn ich einen Impuls sehe, gehe ich dem gleich nach. Wie ein Forscher.“ Die Technik ist schon weit fortgeschritten. Die Frage ist deshalb, wie er auf die vorderen Plätze der Wartelisten kommt.
Gerhard ist davon überzeugt, dass er sich wieder bewegen können wird. „Etwas in mir sagt: ‚Das war es noch nicht.‘ Das ist mehr als eine Überzeugung. Da hab ich unsichtbare Hilfe. Einen Glauben. Und Glaube ist die Kraft, die scheinbar Unmögliches möglich macht.“ Er verweist auf den Physiker Anton Zeilinger. „Zeilinger hat 30 Jahre dem Quanten-Ding nachgestellt. 30 Jahre! Die Überzeugung muss einer haben. Das ist es, was die Menschheit weiterbringt.“
Neben dem tollen Pflegeteam der Station Neuro 6 im LKH Rankweil ist es natürlich seine Familie, die Gerhard unterstützt und diesen Weg mit ihm geht. Mit seiner Frau Alex sieht er sich als „Glückspilz“. „Ich habe ihr gleich am Anfang gesagt, dass sie ihren Weg selber suchen muss.“ Trotz der Schwere ist sie ihm treu geblieben. Mittlerweile ist seine Familie ein ganzes Stück gewachsen: Zwei Schwiegersöhne und vier Enkelkinder haben sich dazugesellt. „Das sind meine Goldstücke!“, grinst Gerhard.
Termin
Anlässlich des 10. Jahrestages des Amoklaufes gibt es ein Charity-Event zugunsten von Gerhard Hummer. Am Freitag, 22. Mai, ab 14 Uhr, Fabrik Klarenbrunn, Bludenz.
Aus dem "zeitFenster" Nr. 17 vom 14. Mai 2026