
Das Evangelium nennt „Antithesen“ (besser gesagt: „Fallstudien“) der Bergpredigt mit der einprägsamen Einleitungsformel: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist – ich aber sage euch“. Jesus weiß um die grundlegenden alttestamentlichen Texte, er stellt sich nicht gegen die Tora mit dem Dekalog, den „Zehn Geboten“, sondern er erläutert und vertieft sie. Dass sich Jesus mit seiner Auslegung allerdings gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer stellt, sagt er selbst (Vers 20): „Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Über das „Zürnen“ und das „Schwören“ sind sich heutzutage wohl alle einig, diese Jesus-Worte kann jede und jeder sofort unterschreiben.
Wirklich herausfordernd sind die Verse 27 und 28 mit dem begehrlichen Blick. Jesus schützt die Ehe und verteidigt sie, indem er fast provokativ den Mann auf die Würde der Frau verweist. „Der Ehemann, der eine andere Frau auch nur lüstern anblickt, begeht Jesus zufolge bereits Ehebruch und macht sich so eines Kapitalverbrechens schuldig“, betont der Neutestamentler Gerhard Lohfink. Es handelt sich dabei nicht um das einfache Anschauen einer Frau. In manchen Kulturen führt(e) dies zu dem rigorosen Umstand, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit vollständigen verhüllen mussten und müssen. Gemeint ist ein Blick auf eine verheiratete Frau, „um sie zu begehren“, verbunden mit sexuellen Phantasien. Ohne sich mit Rechtsfragen lange aufzuhalten, macht Jesus klar: Nicht erst im Vollzug, sondern schon in der Wahrnehmung beginnt der Ehebruch, mit Blicken, welche die Frau zum Sexualobjekt machen. Selbstverständlich hat auch die Frau ihrerseits die Verpflichtung zu Zurückhaltung und Anstand.
Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“. sonntag@koopredaktion.at

