
Von Rosa Andrea Martin
Raphael Latzer ist kein Unbekannter: Der Vorarlberger engagiert sich selbst ehrenamtlich in der Telefonseelsorge und bringt zusätzlich berufliche Erfahrung aus Coaching, Familienberatung und Supervision mit.
Herr Latzer, Sie kennen die Telefonseelsorge seit vielen Jahren aus eigener Praxis.
Raphael Latzer: Ja, ich bin seit acht Jahren ehrenamtlich am Telefon tätig. In der Telefonseelsorge ist das noch keine besonders lange Zeit – viele bleiben hier sehr lange. Die Zugehörigkeit ist auffällig hoch. Es gibt Ehrenamtliche, die seit den 1980er-Jahren dabei sind. Das spricht für das Arbeitsklima und die Haltung.
Was hat Sie ursprünglich motiviert, sich ehrenamtlich in der Telefonseelsorge zu engagieren?
Latzer: Ich habe eine ehrenamtliche Tätigkeit gesucht, die für mich wirklich Sinn macht. Mich hat fasziniert, dass man nie weiß, wer anruft. Ein Gespräch kann ganz alltäglich sein, das nächste hoch belastet. Diese Vielfalt macht die Arbeit besonders.
Wenn sich jemand bei der Telefonseelsorge ehrenamtlich engagieren möchte, wie kann er/sie das tun?
Latzer: Wir bieten eine Ausbildung an, die rund acht Monate dauert. Sie ist kostenlos, verbunden mit der Bitte um ein dreijähriges ehrenamtliches Engagement von rund zwölf Stunden pro Monat. Inhaltlich bereitet sie auf zentrale Themen wie Einsamkeit, psychische Erkrankungen, Depressionen, akute Krisen und Suizidgedanken vor, die häufig am Telefon Thema sind. Ein Schwerpunkt liegt auf Gesprächsführung und aktivem Zuhören – ohne vorschnell in eine beratende Rolle zu gehen. Vermittelt werden außerdem der Umgang mit starken Emotionen, das Setzen von Grenzen, Eigenschutz bei belastenden oder aggressiven Anrufen sowie Möglichkeiten der Weitervermittlung an passende Hilfsangebote. Nach der Ausbildung wird die Arbeit durch verpflichtende Supervision im sechswöchigen Rhythmus und regelmäßige Weiterbildungen begleitet.
Was ist der Kern der Arbeit in der Telefonseelsorge? Latzer: Wir sind da und hören zu. Ohne Beratungsauftrag und ohne Lösungsdruck. Wenn sich im Gespräch ein nächster Schritt ergibt oder eine Weitervermittlung möglich ist, ist das gut, aber kein Muss. Der Großteil der Gespräche besteht im Dasein.
Mit welchen Themen kommen die Menschen zu Ihnen?
Latzer: Einsamkeit ist eines der größten Themen, über alle Generationen hinweg, besonders aber ab etwa 40 Jahren und im höheren Alter. Dazu kommen psychische Erkrankungen wie Depressionen. Rund ein Viertel der Gespräche ist akut krisenhaft.
Viele Menschen zögern, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Woran liegt das?
Latzer: Viele denken, sie brauchen keine Hilfe oder anderen gehe es schlechter. Sich Hilfe zu holen heißt oft, sich einzugestehen, dass etwas nicht stimmt. Diese Hemmschwelle ist hoch.
Wie versucht die Telefonseelsorge, diese Hemmschwelle zu senken?
Latzer: Sichtbarkeit ist entscheidend. Über Medien, über Ärzt:innen und Sozialeinrichtungen sowie über unsere Visitenkarten, die man unauffällig mitnehmen kann, ohne sich erklären zu müssen. Wenn Menschen immer wieder von uns und unserem Angebot lesen oder hören, umso eher werden sie auch wirklich anrufen oder uns schreiben.
Neben dem Telefon gewinnen digitale Angebote an Bedeutung. Welche Rolle spielen sie?
Latzer: Die Anzahl der Mail-, Chat- und Messengerberatung nimmt stark zu. Diese Onlineangebote werden österreichweit organisiert. Das Telefonangebot ist bundeslandspezifisch, die Online-Angebote sind es nicht, wobei auch wir mit einigen Berater:innen unseren Teil dazu beitragen.
Gibt es Unterschiede zwischen Telefon- und Online-Beratung?
Latzer: Ja. In der Mailberatung werden Suizidgedanken deutlich häufiger angesprochen als am Telefon. Schriftlich fällt es vielen leichter, das zu formulieren. Telefonate sind unmittelbarer, weil es sofort eine Reaktion gibt und somit ein Dialog entsteht. Die Onlineberatungen können sich durchaus über mehrere Tage erstrecken.
Wie intensiv werden diese Angebote genutzt?
Latzer: 2024 wurden österreichweit rund 1.400 Mails beantwortet und etwa 8.700 Chats geführt. Die Tendenz ist dabei stark steigend und spricht gerade die jüngere Generation an.
Wie gehen die Mitarbeitenden mit sehr belastenden oder aggressiven Anrufen um?
Latzer: Der Eigenschutz hat oberste Priorität. Dies wird auch in der Ausbildung sehr gut vermittelt. Wenn jemand massiv beleidigend ist oder Grenzen überschreitet, darf das Gespräch beendet werden. Niemand muss das aushalten. Gleichzeitig zeigen solche Verhaltensmuster jedoch auch eine große Not bei den Anrufenden auf. Manchmal gelingt es, nachdem der erste Frust ausgesprochen ist, ein konstruktuktives Gespräch zu führen.
Welche Schwerpunkte setzen Sie als neuer Leiter der Telefonseelsorge Vorarlberg?
Latzer: Im Moment geht es ums Ankommen und um Kontinuität. Nachdem Sepp Gröfler 26 Jahre einen wundervollen Job gemacht hat, wird es für alle eine gewisse Umstellung sein. Es wird eine Zeit brauchen, bis ich mich und auch die Ehrenamtlichen und meine Stellvertreterin Barbara Moser-Natter sich in der neuen Situation eingefunden haben. Ein wichtiges Thema ist die Weiterentwicklung der digitalen Beratung. Dafür braucht es Menschen, die bereit sind, vom Telefon auch in Chat und Mail zu wechseln.
Was kann die Telefonseelsorge leisten – und wo sind ihre Grenzen?
Latzer: Wir können keine Beziehungen ersetzen. Aber wir können entlasten, ermutigen und einen Moment der Einsamkeit unterbrechen. Mit einem offenen Ohr sind wir da. Immer.
Die Telefonseelsorge ist unter der kostenlosen Telefonnummer 142 rund um die Uhr als vertraulicher Notrufdienst jeden Tag des Jahres erreichbar. Ob in Momenten der Krise, der Einsamkeit oder wenn einfach ein Mensch zum Reden gebraucht wird.
Neben dem Telefon ist die Messenger Beratung via WhatsApp unter 0660 1420142 oder per E-Mail möglich ebenso eine Beratung im Chat von 16-23 Uhr.