
Artikel von Anna Kadisch
Lieber Herr Bonelli, in Ihrem neuen Buch „Tabu - Was wir nicht denken dürfen und warum“ befassen Sie sich mit Denkverboten - besser bekannt als Tabus. Was sind Tabus?
Raphael M. Bonelli: Tabus sind ein Ausdruck eines geteilten Wertesystems, das den gemeinschaftlichen Zusammenhalt ermöglicht. Lüge, Diebstahl, Mord und Ehebruch stellen in praktisch allen Kulturen der Erde ein Tabu dar. Im jüdisch-christlichen Kontext sind diese Verhaltensverbote in den biblischen Zehn Geboten schriftlich festgehalten. Tabus markieren auch klare Abgrenzungen nach außen hin. Nur wer sich an die Tabus einer Gemeinschaft hält, ist ein vollständig akzeptiertes Mitglied. Tabubrüche stellen eine bestehende Ordnung infrage und können daher gesellschaftszersetzend wirken.
Sie unterscheiden in ihrem Buch zwischen funktionalen und dysfunktionalen Tabus. Was ist der Unterschied?
Bonelli: Tabus können ihre Funktion mit der Zeit verlieren oder sich gar zu sinnlosen Tabus entwickeln. Daraus folgt die Unterscheidung zwischen sinnvollen, funktionalen und sinnlosen, dysfunktionalen Tabus. Letztere sind die Tabus, die niemand braucht, und davon haben wir neuerdings eine ganze Menge. Funktionale Tabus machen den Menschen frei. Sie orientieren ihn, ordnen seine Intuitionen und befreien ihn von moralischen Irrwegen und Sackgassen. Im besten Fall weisen sie hin auf das Wahre, Gute und Schöne, indem sie sich abwenden vom Verlogenen, Bösen und Hässlichen. Dysfunktionale Tabus hingegen stören die freie persönliche Entwicklung. Häufig werden sie in Form von Denk- und Sprachverboten als verdecktes Instrument zur Verhaltenskontrolle eingesetzt. So beschneiden sie Denken, Fühlen und Handeln der Massen, um verborgene ideologische Ziele zu verfolgen.
Warum sind Tabus, speziell die von dysfunktionaler Natur, potenziell gefährlich?
Bonelli: In den Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die politische Instrumentalisierung von Tabus perfektioniert. In jedem autoritären System waren Sprachtabus der Schlüssel zur Kontrolle der Gesellschaft. In allen Unrechtsregimen ist es tabu, sich kritisch über die herrschenden Politiker und Parteien zu äußern. Damit einher gingen Tabus über offensichtliche Wahrheiten, wie den wirtschaftlichen Niedergang oder die kriselnde Gesundheit der Staatsführer. So verbogen Sprachtabus die Wirklichkeit zu einer politisch angenehmen Version. Der britische Autor Orwell unterstreicht diesen Vorgang in seiner Dystopie 1984 mit dem Begriff „Neusprech“ („newspeak“): Sprache wird so verändert, dass freies Denken unmöglich wird.
Wie kann ich ein dysfunktionales Tabu erkennen? Wem oder was nutzt diese Art von Tabu?
Bonelli: Eine Frage, die wir stets stellen sollten, ist: Cui bono? Wem nützt das Tabu? Wer zieht einen Vorteil daraus, wenn sich die Mehrheit der Gesellschaft diesem Tabu unterwirft? Wenn wir diese Frage stellen und sie ehrlich beantworten, werden wir bald erkennen, dass dysfunktionale Tabus allein dem Machterhalt bestimmter Ideologien dienen.
Wie können wir diese Tabus überwinden?
Bonelli: Einen nützlichen Hinweis gab uns Paulus vor zweitausend Jahren: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thessalonicher 5,21). Die absolute Rationalisierung des Lebens und die totale staatliche Kontrolle mittels dysfunktionaler Tabus sind zum Scheitern verurteilt, weil sie dem Wesen des Menschen widersprechen.