
„Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“, betet der Priester in jeder Eucharistiefeier vor der Austeilung der Kommunion. Genau das sagt auch Johannes der Täufer heute. Wir hören dieses Wort oft gedankenlos und antworten fast formelhaft: „Herr, ich bin nicht würdig ...“ Dabei können wir die Bedeutung Jesu für uns anhand dieses kurzen Bibelverses neu entdecken.
Warum „Lamm“? Da ist zum einen das Pascha-Lamm (Exodus, Kapitel 12). Beim Auszug aus Ägypten schlachtete jede Familie auf den Befehl Gottes hin ein Lamm und bestrich mit dessen Blut die Türpfosten. Dies war das Zeichen für den Engel des Herrn, die Ägypter zu strafen, an den Häusern der Israeliten aber vorüberzugehen. Seither feiert Israel das Pascha-Fest. Da Jesus laut Johannesevangelium in der zeitlichen Nähe eines Pascha-Festes hingerichtet wurde, zu der Stunde, als die Priester im Tempel die Lämmer schlachteten, lag es nahe, seinen Tod mit Hilfe dieser Vorstellung vom Pascha-Lamm zu deuten. Das Blut, das Jesus vergossen hatte, wurde so für das Urchristentum zum Zeichen für die Befreiung, die Gott durch Jesus endgültig schenken wollte. Und da ist zum anderen eine weitere alttestamentliche Vorstellung, nämlich die vom Gottesknecht. Bei Jesaja heißt es, dass der Gottesknecht sein Leben hingibt zur Sühne für die Sünden der vielen (Jesaja, Kapitel 53, Verse 10 bis 12). Jesus vermittelt allen Gottes barmherzige Zuwendung. Jesu Tod schafft auch Befreiung, indem er Sühne bewirkt für die Sünde, unter der die Welt leidet. Diese Sühnung sahen die ersten Christen im Tod Jesu als Pascha-Lamm erfüllt. Die Heilsgeschichte ist so klar auf den Punkt gebracht in dem Bekenntnis des Täufers Johannes: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.“
Stefan Kronthaler ist Redakteur der
Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“. sonntag@koopredaktion.at


