
Joachim Schwald
Ein Baum, der an einen geliebten Menschen erinnert. Eine Bank, auf der man verweilen kann. Das leise Plätschern des Wassers und das Wechselspiel der Jahreszeiten. Der Naturfriedhof in Feldkirch-Nofels ist mehr als ein Ort der letzten Ruhe. Er ist ein Platz, der lebt und an dem Trauer ihren Raum finden darf, Erinnerungen lebendig bleiben und Menschen ihren ganz persönlichen Weg des Abschiednehmens gestalten können. Dass dieser Ort heute selbstverständlich genutzt wird, war vor rund zwei Jahrzehnten noch keineswegs abzusehen.
„Die ersten Überlegungen zu einem Natur- oder Baumbestattungsfriedhof reichen 20 bis 25 Jahre zurück“, erzählt Wolfgang Breuß von der Pfarre Nofels. Damals sollte in einem Waldstück am Dorfeingang von Nofels in Verbindung mit dem geplanten Krematorium ein entsprechender Friedhof entstehen. Das Vorhaben stieß auf erheblichen Widerstand. „Ich glaube, dass das zu der Zeit sehr schlecht kommuniziert worden ist“, erinnert er sich. Viele Beteiligte hätten erst aus den Medien von den Plänen erfahren. Das Thema sei damals schlicht noch zu früh gewesen.
Der Wunsch nach einer naturnahen Bestattung verschwand jedoch nicht. Eine Familie wollte den letzten Wunsch ihrer Mutter erfüllen und stieß bei der Friedhofsverwaltung auf offene Ohren. Weil das angrenzende Waldgebiet zu felsig war, entschied man sich für acht Bäume auf dem bestehenden Friedhof. Ohne große Werbung wurde die Möglichkeit geschaffen, Urnen an den Wurzeln der Bäume beizusetzen – unabhängig von Herkunft oder Konfession.
Das Angebot fand Anklang. Innerhalb von zehn Jahren waren die Plätze für etwa 100 Urnen ausgeschöpft. Im November 2024 wurde der erweiterte Naturfriedhof eingeweiht. Bereits einen Tag später fand dort die erste Beisetzung statt.
Was den Naturfriedhof auszeichnet, ist die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Bedürfnissen. „Manche Familien gestalten eine Trauerfeier in ihrer Heimatgemeinde und kommen anschließend nur im engsten Kreis zur Beisetzung nach Nofels. Andere möchten sich direkt vor Ort verabschieden. Dafür stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, bis hin zur Kirche als geschütztem Raum für eine Feier“, beschreibt Breuß.
„Die Menschen, die zu uns kommen – egal ob kirchennahe oder nicht – kommen alle mit denselben Themen: der Trauer, des Abschiedes, der Betroffenheit“, sagt Breuß. Der Friedhof soll niemanden ausschließen, sondern einen vertrauten Rahmen bieten, in dem Menschen mit ihrem Verlust sein dürfen.
Auch die Gestaltung des Ortes trägt dazu bei. Laubbäume, die blühen und Früchte tragen, lassen den Kreislauf des Lebens sichtbar werden. Im Winter wirkt der Friedhof karger, im Frühling erwacht er neu. Werden und Vergehen sind hier keine abstrakten Gedanken, sondern unmittelbar erfahrbar. Beim Verabschiedungsplatz im Zentrum laden Bänke zum Verweilen ein, das Wasser schafft eine Atmosphäre der Ruhe. „Angehörige wählen ihren Baum oft ganz bewusst: weil er an den Garten des Elternhauses erinnert, zur Persönlichkeit eines Menschen passt oder eine besondere Bedeutung innerhalb der Familie hat“, weiß Breuß, der in der Pfarre auch das Projekt „Seelsorge daheim“ betreut.
So wird aus einem Baum ein persönlicher Erinnerungsort. Für Breuß sind es gerade diese individuellen Geschichten, die zeigen, wie wichtig die Wahl des richtigen Platzes sein kann. „Rational betrachtet mag es keinen Unterschied machen, unter welchem Baum eine Urne beigesetzt wird. Emotional aber sehr wohl. Das Plätzle ist wirklich das, was da so wirkt“, beschreibt er diesen Zusammenhang.
Ein Naturfriedhof bedeutet auch, Abschied von vertrauten Formen der Grabgestaltung zu nehmen. Die Urnen bestehen aus biologisch abbaubarem Material und sollen sich innerhalb von zehn Jahren zersetzen. Auf dauerhafte Dekorationen und persönliche Gegenstände wird deshalb weitgehend verzichtet. Blumen nach einer Beisetzung werden toleriert, grundsätzlich soll aber die Natur den Ort prägen. Das kann für Angehörige ungewohnt sein. Für andere ist es eine große Erleichterung.
Der barrierearm gestaltete Friedhof ist für viele Besucher:innen gut mit Rollator erreichbar. Auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln lässt er sich erreichen. Damit bleibt der Ort nicht nur für die Bestattung, sondern auch für spätere Besuche zugänglich.
Für Wolfgang Breuß liegt eine besondere Bedeutung des Naturfriedhofs darin, dass Menschen sich schon zu Lebzeiten mit ihrer letzten Ruhestätte beschäftigen. Immer wieder begleiten ihn Gespräche mit Paaren oder Familien, die gemeinsam einen Baum auswählen. Oft fällt dabei eine spürbare Last von ihnen ab. Wünsche werden ausgesprochen, Entscheidungen gemeinsam getroffen und mögliche Konflikte vorweggenommen. „Es ist schön zu spüren, wie die Menschen entlastet sind, wenn sie eine gute Lösung finden“, sagt Breuß. Denn was lange aufgeschoben wird, kann im Trauerfall zur zusätzlichen Belastung werden. Angehörige müssen dann nicht nur einen Verlust verarbeiten, sondern mitunter auch schwierige Entscheidungen treffen – ohne genau zu wissen, was sich der verstorbene Mensch gewünscht hätte.
Für Breuß gehört deshalb auch dazu, den eigenen Willen zu äußern und die Wünsche anderer zu respektieren: „Eine Bestattungsform ist keine Entscheidung, die allen gefallen muss. Entscheidend ist, dass sie zur verstorbenen Person passt und von den Hinterbliebenen mitgetragen werden kann“, sagt er.
Zugleich sieht er im Friedhof einen Ort der Begegnung. Wer regelmäßig kommt, trifft möglicherweise Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Aus wiederkehrenden Gesprächen können Verbundenheit und neue Beziehungen entstehen. Gerade deshalb hält er es für wichtig, naturnahe Bestattungsmöglichkeiten auch auf anderen Friedhöfen zu schaffen, statt sie ausschließlich an abgelegene Waldorte auszulagern.
Der Naturfriedhof in Nofels macht deutlich, dass Abschiedskultur nicht nur mit dem Tod zu tun hat. Sie beginnt viel früher: mit Gesprächen, mit persönlichen Wünschen und mit der Bereitschaft, sich gemeinsam auf ein schwieriges Thema einzulassen. Ein Baum kann dabei zum Ort der Erinnerung werden.