
Aus der KirchenBlatt-Ausgabe Nr. 5/6 vom 5./12. Februar 2026.
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Christine Haiden, was heißt für Sie persönlich das Wort Frieden?
Christine Haiden: Frieden ist für mich eine Möglichkeitsform menschlicher Existenz. Wir haben ja unterschiedliche Möglichkeiten, mit uns, unserem Leben und unserer Umgebung umzugehen. Friede entsteht aus meiner Sicht aus dem Respekt vor der Freiheit aller Wesen, die auf dieser Erde unterwegs sind. Diese Freiheit finde ich ebenso zentral wie den Respekt davor.
Und woher kommt Unfrieden?
Haiden: Die Psychologie würde wahrscheinlich sagen, der Unfriede resultiert aus Angst. Unsere Existenz ist immer wieder bedroht, zum Beispiel, weil wir den Wohlstand oder eine Perspektive zu verlieren meinen. Wir wollen ja gerne wissen, wie es weitergeht. Wie wird es in einem halben Jahr oder in fünf Jahren sein? Wie wird es sein, wenn ich in Pension bin? Oder wenn ich pflegebedürftig bin? Was auch immer. In Wirklichkeit wissen wir das nicht. Wir können uns nicht mit letzter Absicherung darauf vorbereiten. Aber wir entwickeln Strategien zur Absicherung und beginnen, diese Strategien zu verteidigen. Und dann kann es sein, dass wir erstarren in unserer Vorstellung, und dass uns die Beweglichkeit fehlt, die man braucht, um in Frieden leben zu können.
Braucht es Beweglichkeit für den Frieden?
Haiden: Ja, ohne Beweglichkeit versucht man nur noch, sein Recht durchzusetzen. Man versucht, mit Regeln oder im Endeffekt mit Waffen, das durchzusetzen, was man sich vorgestellt hat. Dahinter liegen Ängste. Existenzielle, menschliche Ängste: Die Angst, etwas zu verlieren oder nicht dazuzugehören. Die Angst, nicht gesehen, nicht wertgeschätzt zu werden. Und natürlich die Grundangst, dass wir am Ende sterben werden und nicht wissen, wann, wie, wo, auf welche Art. Eine Angst, auf die jede Religion eine Antwort sucht. Der häufigste Satz der Bibel ist: Fürchtet euch nicht!
Vom Sterben wissen wir nur, dass es heißt, alles loslassen zu müssen. Alles, was wir auch um den Preis des Unfriedens verteidigt haben, werden wir eines Tages loslassen müssen. Mit dieser Grundangst sollten wir umgehen lernen, um in Frieden mit unseren Möglichkeiten leben zu können.
Die Angst vor dem Sterben zu überwinden, ist also wichtig für den Frieden? Jesus hat die Angst vor dem Tod überwunden und ist ein Mensch des Friedens. Hängt das zusammen?
Haiden: Man muss aufpassen, dass man sich die Latte nicht zu hoch legt. Die Angst zu überwinden ist eine hohe Latte! Wenn wir uns unsere Zeit anschauen, dann geht es darum, Ambivalenz auszuhalten. Auch auszuhalten, dass ich Angst habe. Ich kann mit dieser Angst umgehen lernen, wenn ich sie wahrnehme, wenn ich die zwiespältigen Gefühle gegenüber dem Sterben und dem Tod wahrnehmen und annehmen kann. Von Jesus wird auch überliefert, dass er am Kreuz noch sagt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das zeigt, dass die Angst offenbar nicht ganz weg war. Aber man kann aus diesem Satz auch schließen, dass Jesus Vertrauen hatte in ein Gegenüber, auf das er sich bezieht. Die Zwiespältigkeit, die zwischen Angst und Vertrauen unser Leben bestimmt, kann man sich immer wieder bewusst machen und lernen, damit umzugehen.
Man hat den Eindruck, dass der Unfriede wächst. Stimmt das, oder wird er nur sichtbar?
Haiden: Ich glaube schon, dass der Unfriede wächst. Die Politik hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs versucht, Regeln zu schaffen, die in Konfliktfällen greifen, wenn unterschiedliche Interessen abzugleichen sind. Jetzt erleben wir, dass diese Ordnungen nicht mehr akzeptiert werden und dass wieder begonnen wird, Interessen nach eigener Präferenz durchzusetzen. Das Recht des Stärkeren macht Angst. Das kann ich für mich als Frau sagen, das kann ich aber auch für mich als Angehörige eines Acht-Millionen-Bürger:innen-Staates sagen. Wenn eine Großmacht daherkommt und ihre Waffen auspackt, dann muss ich sagen, sehr nett, wenn das österreichische Bundesheer aufrüstet, aber es ist nicht mehr als ein Placebo. Und dann werden Vokabel wie „Festung“ Österreich oder Europa wieder plausibel. Wir kommen da in eine Logik, die für sich ganz logisch ausschaut und trotzdem nicht den Frieden fördert, sondern die Konfrontation. Dann reden wir nicht mehr miteinander, sondern stehen einander gegenüber und drohen einander. Das ist eine schlechte Ausgangsbasis für Frieden. Das wissen wir auch aus dem privaten Bereich.
Was kann man denn dagegen tun, dass das Recht des Stärkeren wieder ausgespielt wird?
Haiden: Die große Übung ist, dass man sich nicht aus der Bahn werfen lässt. Wir haben als europäische Kultur in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, dass man anders miteinander umgehen kann. Das Recht des Stärkeren hat aber eine lange und intensive Geschichte. Wir wissen, dass da am Ende meistens Zerstörung und nicht Wohlstand steht. Wenn man versucht, uns etwas anderes einzureden, kommt es darauf an, dass wir innehalten, vielleicht kurz die Augen zumachen und sagen, okay, was hat uns denn bis hierher gebracht? Worauf können wir uns verlassen? Im Großen gilt, was auch im Kleinen gilt. Ich kann auch private Konflikte so eskalieren lassen, dass man nicht mehr miteinander redet. Aber macht das mein Leben besser? Ich würde sagen, mein Leben ist nicht besser, wenn ich mit vielen Leuten im Unfrieden bin.
In der Fastenzeit werden Sie jede Woche einen Artikel über Tugenden der Friedfertigkeit schreiben. Was hat es damit auf sich?
Haiden: Wir Menschen sind Organismen, die sich verändern. Auch eine Gesellschaft ist ein Organismus, der sich ständig verändert. Alles, was lebendig ist, ist in kreativer Veränderung. Mit Frieden und Friedfertigkeit verhält es sich genauso. Das sind Haltungen und Einstellungen, die ich in meiner Entwicklung und in der Entwicklung der Gesellschaft immer wieder lernen, anpassen, erproben, adaptieren kann.
Da schwingt wieder die Beweglichkeit mit ...
Haiden: Starrheit führt zu Unzufriedenheit oder Verbitterung. Die verstorbene amerikanische Denkerin Mary Daly formulierte es so, dass Gott nichts Statisches ist, sondern das sich ständig Entwicklende, das Kreative. Und wenn wir Menschen in diesem Schöpferischen, in dieser Kreativität sind, dann sind wir im Göttlichen.
Sie formulieren sieben Tugenden der Friedfertigkeit. Wie sind Sie auf diese sieben Tugenden gekommen?
Haiden: Ich habe vor vielen Jahren mit Hundertjährigen über ihre Lebenserfahrungen gesprochen. Da waren sehr unterschiedliche Typen dabei. Die sieben Tugenden haben sich aus den Gesprächen ergeben.
Ein wenig dürfen wir schon verraten. Es geht um Humor und um Zärtlichkeit, aber auch um Disziplin. Wie kann man die Tugenden der Friedfertigkeit einüben?
Haiden: Ein Mensch besteht aus Verstand und Herz. Wir haben die Möglichkeit, mit dem Verstand über etwas nachzudenken, und die Möglichkeit, uns ein Herz zu fassen und zu handeln. Das Herz steht für die Handlungsfähigkeit. Die sieben Tugenden der Friedfertigkeit sind meine Vorschläge, sie könnten für andere ganz anders heißen. Wenn ich etwa von Sanftmut rede, dann hat das viele Facetten. Was heißt sanft, und was heißt gleichzeitig Mut? Das kann jede und jeder meditieren. Ich habe einen Hund, mit dem ich gerne spazieren gehe. Das Spazierengehen ist eine gute Gelegenheit, sich Sachen durch den Kopf gehen zu lassen. Man sagt übrigens nicht, dass man die Sachen im Kopf stehen lässt, sondern sie gehen einem durch den Kopf!
Damit sind wir wieder beim Thema Bewegung, das, wie Sie sagen, für den Frieden zentral ist. Danke für das Gespräch!
Interview: Monika Slouk
Aus der KirchenBlatt-Ausgabe Nr. 5/6 vom 5./12. Februar 2026.
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