„Das Regierungsprogramm des Himmelreichs“, so heißt das Buch des deutschen Neutestamentlers Klaus Wengst über die Lehre Jesu auf dem Berg – kurz und besser bekannt als „Bergpredigt“. Hand aufs Herz: Erscheinen uns die Folgerungen der Bergpredigt nicht etwas paradox? Wer wird etwa die Armen seligpreisen? Karl Marx sah hier den Versuch, die Armen zu vertrösten. Und sind die Seligpreisungen dies nicht vielleicht auch? Eine bloße Vertröstung, die uns letztlich davon abhält, die Dinge dieser Welt entschlossen in unsere eigenen Hände zu nehmen, um endlich Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit herbeizuführen? Sind sie gar eine Flucht in eine weltentrückte Innerlichkeit, welche die Welt sich selbst überlässt? Diesen Versuchungen sind wir Christen in der Geschichte oft erlegen und erliegen ihnen in der Gegenwart immer noch. Die Bergpredigt hat es nicht leicht gehabt mit uns und wir haben es nicht leicht mit ihr. Wie will man denn beispielsweise gewaltlos ungerechte Gewalt besiegen und beseitigen, in der Ukraine, im Nahen Osten, im Sudan?
Die Seligpreisungen sind aber nicht zuerst eine Forderung, die uns doch nur überfordert, sie sind Art Zusammenfassung und die Summe der Reich-Gottes-Botschaft Jesu. Was würde passieren, wenn wir Christen nach den Seligpreisungen der Bergpredigt leben? Dann würdeÄhnliches wie in den Anfangsjahrhunderten der Kirche geschehen. Die Heiden haben sich damals verwundert die Augen gerieben: Wie leben denn diese Christen? Die Bergpredigt war und ist das „Regierungsprogramm“ des Himmelreichs, das viele gelebt haben und auch heute leben. Sind auch wir „regierungstreu“ – als „Staatsbürgerinnen und -bürger“ des Himmelreichs?
Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“. sonntag@koopredaktion.at


