
Jesus erzählt das Gleichnis von zwei Söhnen. Beide werden vom Vater in den Weinberg geschickt. Der erste widerspricht zunächst, geht aber später doch. Der zweite sagt sofort „Ja“, bleibt aber untätig. Für die Zuhörer war klar: Nicht das schöne Wort zählt, sondern das Handeln.
Der Weinberg ist ein vertrautes biblisches Bild für das Volk Gottes. Es geht also um das konkrete Leben im Glauben. Wer tut wirklich den Willen des Vaters? Jesus stellt diese Frage nicht theoretisch, sondern ganz praktisch.
Es ist überraschend, dass Jesus ausgerechnet Zöllner und Sünder – Menschen, die oft als religiös gescheitert galten – mit dem ersten Sohn vergleicht. Sie sagen zunächst „Nein“ mit ihrem Leben, ändern aber später ihre Richtung. Die religiösen Führer dagegen gleichen dem zweiten Sohn: Sie sagen „Ja“, glauben aber nicht. Jesus macht deutlich: Gott schaut nicht bloß auf unseren Anfang, sondern auf unseren Weg. Ein anfängliches „Nein“ ist nicht endgültig. Umkehr bleibt möglich – jederzeit. Und oft geschieht sie leise, in kleinen Schritten. Der Vater im Gleichnis bleibt ruhig. Er verurteilt nicht sofort, sondern lässt Raum. Das zeigt Gottes Geduld. Er drängt nicht.
Zugleich ist das Gleichnis auch eine echte Anfrage an mich: Fromme Worte und gute Vorsätze können leicht zur Gewohnheit werden. Doch ohne konkretes Tun bleiben sie unfruchtbar. Dieses Evangelium lädt mich zur Ehrlichkeit ein: Gott erwartet kein perfektes Leben – aber ein aufrichtiges Herz, das bereit ist, sich führen zu lassen und
neu anzufangen.
Was wäre heute ein konkreter Schritt, um mein „Ja“ wirklich zu leben?
Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin und leitet das Referat für Spiritualität im Pastoralamt der Erzdiözese Wien.
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