
Aus der KirchenBlatt-Ausgabe Nr. 47 vom 18. Dezember 2025.
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Artikel von Joachim Schwald
Frau Heidinger, fünfzehn Jahre sind seit der Seligsprechung Carl Lamperts vergangen. Was hat sich seither verändert?
Elisabeth Heidinger: Der Blick ist klarer geworden; es hat sich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass seine Haltung – unverstellt, menschlich, widerständig im geistigen Sinn – einen Resonanzraum bietet, der weit über kirchliche Binnenkreise hinausreicht. Lamperts Geschichte fällt in eine Zeit, die sensibler ist für Fragen nach Mut, Gewissen und der Zerbrechlichkeit demokratischer Umgangsformen. Mit jedem Jahr tritt schärfer hervor, wie sehr seine Stärke auch uns betrifft. Dadurch wird er näher – und zugleich anspruchsvoller. Er fordert uns heraus, Erinnerung als Verantwortung zu verstehen.
Sie sprechen davon, dass Erinnern eine Form von Gegenwartsgestaltung ist. Wie meinen Sie das?
Heidinger: Erinnern ist eine Auflehnung gegen die bequeme Unschärfe. Und sie ist nicht rückwärtsgewandt, sondern eine Haltung nach vorne. Sie ist ein Schutzraum gegen die Erosion von Maßstäben und ein Prüfstein, an dem wir messen, wo wir selbst bequem geworden sind. Lampert erinnert uns daran, dass Menschlichkeit kein Luxus ist, sondern eine Aufgabe, besonders dann, wenn sie unter Druck gerät.
Im neuen Jahr steht eine große Zusammenarbeit mit dem Landestheater bevor. Wie ist sie entstanden?
Heidinger: Aus einem Filmgedanken heraus. Wir arbeiteten mit Hermann Weiskopf, Peter Mair, Kirsten Osseinig von der AVG-Filmproduktion zusammen, deren Neururer-Film mit Ottfried Fischer uns beeindruckte. Während an einem Drehbuch gearbeitet wurde, zeigte sich: Diese Geschichte besitzt auch Bühnenkraft. Dr. Walter Juen als Vorsitzender des Forums und ich gingen mit dieser Intuition auf das Vorarlberger Landestheater zu und Stephanie Gräve erkannte das Potenzial sofort. So wurde aus einem Filmimpuls ein künstlerischer Schulterschluss.
Welche Schwerpunkte setzt das Programm um das Theater?
Heidinger: Das Theater bildet den dramaturgischen Kern, doch darum herum entfaltet sich ein dichtes Geflecht: Der Leiter der Gedenkstätte „Roter Ochse“ in Halle, Michael Viebig, einer der profiliertesten Experten zur NS-Justiz spricht im Vorarlberg Museum über die Mechanismen von Willkür und Scheinlegalität der NS-Justiz sowie über das Schicksal der Verurteilten. Wir begeben uns nach Nürnberg und nach Halle: Orte der Propagandainszenierung, der fürchterlichen Nürnberger Gesetze, der juristischen Kälte und der Aufarbeitung nach dem Krieg. Es sind Räume, die Geschichte nicht nur zeigen, sondern zumuten. Ein Erinnerungsabend mit Bischof Benno Elbs, Meinrad Pichler, Stephanie Gräve und Nachkommen damaliger Weggefährten und Familie – moderiert von Markus Linder, dessen Großonkel Alois Knecht mit Lampert im KZ Dachau war – knüpft das Persönliche hinzu. Dazu kommen Ausstellungen in unterschiedlichen Formaten. Das alles ergibt eine Bewegungslandschaft zwischen Kunst, Geschichte und Gewissen.
Was dürfen Besucherinnen und Besucher erwarten?
Heidinger: Eine Atmosphärenverdichtung. Die Bühne wird ein Ort sein, an dem innere Wahrheiten sichtbar werden können, die in Texten allein verborgen bleiben. Theater hat diese seltene Fähigkeit, das Unsichtbare körperlich werden zu lassen. Die Bühne zeigt, wie ein Mensch klingt, wenn sich sein Leben zuspitzt und stellt die Frage neu: Was bleibt, wenn fast alles genommen wird. Wir entlassen nicht mit Parolen, sondern mit Blickachsen, die weit in unser eigenes Heute reichen. Wir bieten eine Einladung, sich berühren zu lassen und sich dazu ins Verhältnis zu setzen.
Aus der KirchenBlatt-Ausgabe Nr. 47 vom 18. Dezember 2025.
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